Über 40 Jahre nach Abschluß der Gebietsreform …

Auch jetzt noch gilt die Gebietsreform als die größte bayerische Verwaltungs- und Staatsreform der Nachkriegszeit. In Kraft getreten ist der Großteil der Reform vor 40 Jahren, zum 1. Juli 1972. Von den vormals 143 Landkreisen blieben 71 übrig. In unserem Landkreis verringerte sich die Zahl der Gemeinden von 78 auf 19. Darüber hinaus wurden Zuständigkeiten zwischen Landkreisen und Kommunen neu verteilt. Seitdem holt man sich beispielsweise seinen Pass bei der Gemeinde.

Die Gründe für die Notwendigkeit der Reform lagen auf der Hand. In Bayern gab es im Jahr 1969 7073 Gemeinden. Zwei Drittel davon zählten weniger als 1000 Einwohner, ein Viertel sogar weniger als 300. Mit den großen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts schlüpften die Kommunen immer mehr in die Rolle der „Versorgungsgemeinde“. Nun war in den kleinen Gemeinden und Kreisen mit ihren wenigen Steuerzahlern nicht mehr genug Geld da, um moderne Straßen, Wasserleitungen und Kanäle oder gar Sportplätze, Turnhallen und Krankenhäuser zu bauen.

Im Januar 1971 gab Ministerpräsident Alfons Goppel den Startschuss für die Reform und durchgesetzt wurde sie von Innenminister Bruno Merk. Für die Gemeindegebietsreform galt die Vorgabe, Gemeinden mit einer Mindestzahl von anfangs 5000, später 3000 Einwohnern zu schaffen. Dies sollte entweder auf dem Wege des Zusammenschlusses mehrere Kommunen zu einer Gemeinde oder über die Bildung von Verwaltungsgemeinschaften erfolgen.

abbildung1-gebietsreformIm „oberen Ilmtal“, von Volkersdorf bis Reichertshausen, stellte sich die Situation wie folgt dar:

Ursprünglich waren es bis zum 30.12.1970 noch sieben Gemeinden: Volkersdorf (650 Einwohner), Jetzendorf (650), Steinkirchen (340), Langwaid (400), Pischelsdorf (320), Paindorf (480) und Reichertshausen (890).

Nachdem 1971 die ersten Gemeindezusammenlegungen erfolgten, schlug Landrat Traugott Scherg den Süd-Gemeinden im Landkreis vor, Reichertshausen sollte mit den Gemeinden Hettenshausen, Ilmmünster und Jetzendorf eine Verwaltungsgemeinschaft mit Sitz in Reichertshausen bilden.

Zum 30.12.1970 zählte Ilmmünster 1260 Einwohner. Zum 1.4.1971 wurden 170 Einwohner aus Ilmried eingemeindet. Damit waren die Eingemeindungsmöglichkeiten ausgeschöpft.

Bei der Neuregelung der Landkreis-Gebietsreform 1971 wurde die Gemeinde Hirschenhausen in den Landkreis Pfaffenhofen aufgenommen. Zum 1.1.1971 wurden die Gemeinden Jetzendorf und Volkersdorf zusammengelegt. Ebenfalls zugeordnet wurden die Ortsteile Habertshausen und Kemmoden der Gemeinde Triefing zum 1.4.1974 nach Jetzendorf. Die Eingliederung von Hirschenhausen in die Gemeinde Jetzendorf erfolgte zum 1.1.1975, sodass die Gemeinde Jetzendorf zum 30.6.1975 insgesamt 1800 Einwohner zählte.

Reichertshausen, der zentral gelegenste Ort der geplanten Verwaltungsgemeinschaft startete mit 890 Einwohnern in die Überlegungen der Zielplanung. Laut Verordnung der Regierung sollten die bisherigen selbstständigen Gemeinden Langwaid, Paindorf, Pischelsdorf, Reichertshausen und Steinkirchen zu einer Gemeinde mit Verwaltungssitz in Reichertshausen vereinigt werden. Als erste Gemeinde stimmte Paindorf mit den Ortsteilen Grafing, Gurnöbach, Kreuth, Oberpaindorf und Salmading sowie den Weilern Holzhof, Ilmberg, Kerum und Kohlmühle, das mit Reichertshausen einen Schulverband bildete, zum Anschluss nach Reichertshausen ab 1.1.1971, zu.

Die drei verbleibenden Gemeinden bilden seit 1827 die Pfarrei Steinkirchen mit Pfarrsitz in Steinkirchen. Der spätere Schulverband errichtete 1964 in Steinkirchen die neue Volksschule. Mit der Pfarrei Jetzendorf wurde 1973 ein Pfarrverband errichtet. Die Gemeinde Pischelsdorf mit dem Ortsteil Lausham stimmte für eine Eingemeindung nach Reichertshausen zum 1.4.1971, ebenso die Gemeinde Langwaid mit den Ortsteilen Bärnhausen, Gründholm, Haunstetten und dem Weiler Haselhof. Hier tendierte eine Minderzahl nach Scheyern.

abbildung2-nach-gebietsreformSteinkirchen blieb vorerst noch selbstständig. Da der Ortsteil Lampertshausen unter allen Umständen zur Gemeinde Jetzendorf hinzog, einigte man sich dahin, dass die Bürger von Steinkirchen und Lampertshausen getrennt abstimmten. Bei der Abstimmung votierten die Bürger-(innen) von Lampertshausen und Frechmühle nach Jetzendorf und die Steinkirchener entschieden sich für Reichertshausen. Die Eingemeindung erfolgte zum 1.4.1975. Steinkirchen war die einzige Gemeinde, die geteilt wurde.

Ergänzend ist noch anzumerken, dass den freiwilligen Eingemeindungen geheime Abstimmungen vorausgingen. Nach dem endgültigen Abschluss der Reform teilte sich die Gemeinde Reichertshausen in die Pfarreien Reichertshausen, Steinkirchen und ein Teil nach Scheyern auf.

Zum 1.5.1978 trat die neu gebildete Verwaltungsgemeinschaft mit den Gemeinden Hettenshausen, Ilmmünster, Jetzendorf und Reichertshausen mit dem Verwaltungssitz in Reichertshausen in Kraft. Zum Vorsitz der Verwaltung mit den vier Gemeinden wurde in geheimer Abstimmung der Hettenshausener Bürgermeister Josef Scheller gewählt, zum Stellvertreter Franz Oberhofer, Bürgermeister von Ilmmünster. Sie hatte nur eine kurze Dauer von 20 Monaten, da Reichertshausen und Jetzendorf vehement für eine Auflösung und Wiedererlangung der Selbstständigkeit einsetzten.

Nachdem F.J. Strauß als neuer Ministerpräsident eine Nachkorrektur der Gebietsreform ankündigte, erhielten mit einer Rechtsverordnung der Regierung von Oberbayern zum 1. Januar 1980 Jetzendorf und Reichertshausen wieder ihren Status als selbstständige Einheitsgemeinden, während Hettenshausen und Ilmmünster eine neue Verwaltungsgemeinschaft bildeten.

Mit einem bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwung entwickelte sich Reichertshausen zu einem Zentrum im oberen Ilmtal. Nach der Gebietsreform strebte die Gemeinde zur Deckung des Grundbedarfs der Bevölkerung die Ansiedlung von Arzt, Zahnarzt, Apotheke an. Durch weitere Maßnahmen wie die Erschließung von Siedlungsgebieten und der Ansässigmachung von Geldinstituten gewerblicher und handwerklicher Betriebe konnte die Infrastruktur deutlich verbessert werden und Folge dessen erfolgte im Juli 1979 die Einstufung von Reichertshausen als Kleinzentrum.abbildung3-nach-gebietsreform-lkrEine Auswahl statistischer Daten für die Gemeinde Reichertshausen (09 186 146)